KONTAKTE | A-Z
SUCHE
ERWEITERTE SUCHE
< Startseite < Kirche im Radio
Andachtstexte dieser Woche
Morgenandachten im Deutschlandfunk vom 30. August – 4. September 2010 von Pfarrer Wolf-Dieter Steinmann aus Stuttgart

aus Stuttgart.
Wolf-Dieter Steinmann
aus Stuttgart
Wolf-Dieter Steinmann arbeitet als Rundfunkpfarrer beim SWR in Stuttgart.
Geboren 1955 in Heidelberg, spricht er von Hause aus kurpfälzisch. Hochdeutsch, so sagt er selbst, hat er „mühsam als erste Fremdsprache gelernt.“ Er lebt in Ettlingen, hat zwei er-wachsene Kinder. Mag Musik (von Bach bis Herbert Grönemeyer) und hofft, „dass ich einmal im Himmel mit Wolfgang Amadeus, Mick Jagger und Chrissie Hynde in einer Band spielen darf.“ Er liest viel (von Bibel bis Connie Palmen) und ist Fußballfan.
„Von meiner Patentante (schade, dass sie nicht mehr lebt) habe ich erfahren, wieviel Le-benskraft und Lebensfreude aus dem Glauben kommt. Und von den Propheten und von Je-sus, dass die Welt nicht bleiben muss, wie sie ist, sondern besser werden darf, muss und  kann.“

E-Mail:
Steinmann@Kirche-im-SWR.de


Montag, 30. August 2010
Ich habe das Gefühl, ich kann nicht mehr so gut hoffen wie früher. Nicht mehr so groß. Die Hoffnungen, die mir heute Mut machen, sind kleiner, ich hoffe auch mehr in die Nähe. Für Menschen, die ich kenne. Dass jemand wieder gesund wird. Dass sie endlich einen Ausbildungsplatz bekommt.
In den 1970er und 1980er Jahren, da haben meine Hoffnungen weit hinaus gegriffen. Wie viele andere habe ich gehofft, dass die Welt im Ganzen besser werden möge und könnte. Das „Prinzip Hoffnung“ oder die „Theologie der Hoffnung“ haben das Lebensgefühl von vielen erwärmt und sie ermutigt, sich auch praktisch einzusetzen, damit aus Hoffnungen Wirklichkeit wird.
Hunger und Armut sollten aus der Welt verschwinden. Männer und(!) Frauen sollten Freiheitsrechte erhalten, überall auf der Welt. Diktaturen von der politischen Bildfläche verschwinden. Frieden und Gerechtigkeit einkehren.
Wir waren davon überzeugt, dass diese großen Hoffnungen in absehbarer Zeit wirklich werden könnten. Sie sind es nicht.
Im Gegenteil: Diese großen europäischen Hoffnungen und Utopien der Moderne sind müde geworden an der Realität. Und ohne konkrete Hoffnungsziele scheint auch die Kraft zu hoffen überhaupt müde geworden. Heute ist es doch schon eine große Hoffnung, dass die Katastrophe im Golf von Mexiko auf Dauer gestoppt bleibt. Schlechte Nachrichten scheinen die Kraft aufzuzehren, die man zum Hoffen braucht.
Aber muss das so sein, dass nach dem Verlust der konkreten Visionen der Moderne auch die Hoffnung als Lebenskraft ermüdet? Ohne große Ziele auch keine Hoffnung mehr?
Ich finde, Christen dürfen es nicht zulassen, dass ihnen die Hoffnung für die Welt als Ganzes abhanden kommt. Sie ist eine der großen Kräfte, die Christen immer wieder motiviert hat, die Welt mitzugestalten. Gerade auch in Zeiten, wo die Zukunft dunkel oder unbestimmt schien.
Ich habe nach gelesen bei Paulus, wo er die Kraft zu hoffen hernimmt. Die frühen Christen hatten eine große Vision gehabt, die auch ermüdet war. Sie hatten erwartet, dass Christus bald wiederkommen würde. Aber was sie erwartet hatten, es war nicht eingetreten. Aber Paulus ist überzeugt. Das ist kein Grund, das Hoffen aufzugeben. Er ermutigt jetzt erst recht dazu, indem er wörtlich schreibt.
Wir sind gerettet,  doch auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. Und dazu hilft der Geist unsrer Schwachheit auf. (Röm 8,24ff)
Ein amerikanischer Philosoph hat solch eine Haltung eine „radikale Hoffnung“ genannt. ‚Radikal’ deshalb: Paulus hat keine konkrete Vision, die sich in absehbarer Zukunft erfüllen könnte. Auf die er direkt zustreben könnte. Trotzdem wurzelt er tief in Hoffnung. Hoffnung auf den unsichtbaren Gott, der für Paulus Zukunft verbürgt. Ihm traut Paulus zu, dass er die Welt als Ganzes vollenden wird. Wie, und wann, das kann er selbst nicht mehr sehen. Die Hoffnung auf Gott lässt ihn auf das Große geduldig warten und zugleich jeden Tag aktiv leben.
Diese Haltung ist beispielhaft: Wenn die großen Visionen der europäischen Moderne verblasst sind, heißt das nicht, dass unsere Welt keine gute Zukunft mehr hat. Diese Zukunft ist unvorhersehbar, die Zukunft ist offen. Aber es gibt sie. Auf diesem Fundament kann man radikal hoffen. Gott steht für seine Welt ein. Darum – so Paulus - kann man auf die Zukunft mit leidenschaftlicher Geduld warten.
Und hilft solch radikales Hoffen für den Tag? „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ schreibt Paulus noch. Dieser Geist beflügelt auch die praktische alltägliche Vernunft. Wenn ich von radikal positiver Hoffnung getragen bin, das ermutigt zu tun, was nachhaltig ist und notwendig.


Dienstag, 31. August 2010

Menschen fühlen sich als Versager, wenn sie keine Arbeit haben. Das gab und gibt es immer wieder. Aber heutzutage fühlen sich sogar schon Menschen als Versager, die arbeiten gehen. Das gibt es nicht? Anscheinend doch. In einer Fernsehsendung hat ein Mann, er war um die 40, seine Lebensumstände so beschrieben:
„Ich arbeite und arbeite und fühle mich trotzdem als Versager. Das Geld, das ich heimbringe, reicht nicht mehr für die Familie. Für das Nötigste, schon. Aber Urlaub oder Schullandheim für die Kinder, dafür langt es nicht mehr.“
Und dabei arbeitet der Familienvater, der das in dem Interview sagt, in seinem Beruf, für den er drei Jahre gelernt hat. Er ist nicht arbeitslos, er jobbt auch nicht nur.
Bin ich ein Versager? Wie viele fragen sich das wohl? Weil es ihnen ähnlich geht wie diesem Familienvater? Und ich frage mich, kann das ein gerechter Lohn sein für eine Arbeit, wenn sich jemand vor sich selbst und seiner Familie dafür als Versager fühlt? Da stimmt doch was nicht.
Wann ist ein Lohn gerecht? Diese Frage ist schon alt. Schon Menschen in der Antike haben sich damit beschäftigt. Die richtige Antwort darauf, ein für allemal, wird es vermutlich nicht geben. Man muss immer wieder neu suchen. Aushandeln, erstreiten, was ein gerechter Lohn für Menschen ist. So dass Sie und Ihre Lieben davon leben können und sich selbst ins Gesicht sehen können.
In der Bibel erzählt Jesus eine Geschichte, die zeigt für mich die Richtung, was ein gerechter Lohn sein könnte und wer versagt, wenn das Geld aus Arbeit nicht mehr reicht zum Leben.
Jesus erzählt in dieser Geschichte von Menschen, die Arbeit suchen. Ein Weinbergbesitzer stellt sie ein, als Tagelöhner.
Er hat allerdings nicht genug Arbeit für alle, die suchen, für den ganzen Tag. Einige kann er nur einen halben Tag beschäftigen, andere nur stundenweise. Trotzdem bekommen am Abend alle den vollen Tageslohn ausgezahlt. Die, die länger gearbeitet haben, begehren auf. „Das ist kein gerechter Lohn, wenn alle das gleiche erhalten für unterschiedlich lange Arbeit“, sagen sie. „Das mag ja sein,“ sagt der Weinbergbesitzer, „aber ist es nicht eine viel größere Ungerechtigkeit, wenn ich euren Kollegen so wenig zahle, dass es für die Familien nicht reicht und sie als Versager nach Hause gehen müssen?“
Für mich verbinden sich mit dieser Geschichte drei Gedanken.
1) Wer arbeitet, soll sich nicht als Versager fühlen müssen. Denn wer arbeitet ist kein Versager. Im Gegenteil, in der Bibel gehört Arbeit zum Menschen. Menschen, die arbeiten und schaffen, die sind Mitarbeiter an Gottes Schöpfung. Wenn jemand, der arbeitet, sich dennoch als Versager fühlt, dann stimmt etwas nicht.
2) Ein gerechter Lohn muss gewährleisten, dass Menschen davon leben und ihre Lieben versorgen können. Der Maßstab, was gerecht ist, den findet Jesus nicht abstrakt. Er stellt keine Rechenspiele an mit Lohntabellen. Er macht auch keine Leistungsmessung. Jesus findet den Maßstab für Gerechtigkeit einzig und allein in der Frage: Können Menschen leben von dem, was sie arbeiten. Und zwar nicht nur als Singles, sondern so, dass sie sich auch Beziehungen leisten können.
Der 3. Gedanke in dieser Geschichte: Funktioniert hat das Ganze in der Geschichte, die Jesus erzählt, weil der Arbeitgeber das Wohl seiner Mitarbeiter und deren Familien auch zu seinem Maßstab gemacht hat. Dieser Arbeitgeber ist kein Versager, genauso wenig wie seine Mitarbeitenden.
Und wie ist es bei uns? Wenn Menschen trotz Arbeit ihre Familie nicht so versorgen können, dass sie am Leben voll teilhaben können? Nach biblischen Maßstäben liegt da ein Versagen vor. Aber nicht auf der Seite der Arbeitenden.

Dienstag, 31. August 2010
Menschen fühlen sich als Versager, wenn sie keine Arbeit haben. Das gab und gibt es immer wieder. Aber heutzutage fühlen sich sogar schon Menschen als Versager, die arbeiten gehen. Das gibt es nicht? Anscheinend doch. In einer Fernsehsendung hat ein Mann, er war um die 40, seine Lebensumstände so beschrieben:
„Ich arbeite und arbeite und fühle mich trotzdem als Versager. Das Geld, das ich heimbringe, reicht nicht mehr für die Familie. Für das Nötigste, schon. Aber Urlaub oder Schullandheim für die Kinder, dafür langt es nicht mehr.“
Und dabei arbeitet der Familienvater, der das in dem Interview sagt, in seinem Beruf, für den er drei Jahre gelernt hat. Er ist nicht arbeitslos, er jobbt auch nicht nur.
Bin ich ein Versager? Wie viele fragen sich das wohl? Weil es ihnen ähnlich geht wie diesem Familienvater? Und ich frage mich, kann das ein gerechter Lohn sein für eine Arbeit, wenn sich jemand vor sich selbst und seiner Familie dafür als Versager fühlt? Da stimmt doch was nicht.
Wann ist ein Lohn gerecht? Diese Frage ist schon alt. Schon Menschen in der Antike haben sich damit beschäftigt. Die richtige Antwort darauf, ein für allemal, wird es vermutlich nicht geben. Man muss immer wieder neu suchen. Aushandeln, erstreiten, was ein gerechter Lohn für Menschen ist. So dass Sie und Ihre Lieben davon leben können und sich selbst ins Gesicht sehen können.
In der Bibel erzählt Jesus eine Geschichte, die zeigt für mich die Richtung, was ein gerechter Lohn sein könnte und wer versagt, wenn das Geld aus Arbeit nicht mehr reicht zum Leben.
Jesus erzählt in dieser Geschichte von Menschen, die Arbeit suchen. Ein Weinbergbesitzer stellt sie ein, als Tagelöhner.
Er hat allerdings nicht genug Arbeit für alle, die suchen, für den ganzen Tag. Einige kann er nur einen halben Tag beschäftigen, andere nur stundenweise. Trotzdem bekommen am Abend alle den vollen Tageslohn ausgezahlt. Die, die länger gearbeitet haben, begehren auf. „Das ist kein gerechter Lohn, wenn alle das gleiche erhalten für unterschiedlich lange Arbeit“, sagen sie. „Das mag ja sein,“ sagt der Weinbergbesitzer, „aber ist es nicht eine viel größere Ungerechtigkeit, wenn ich euren Kollegen so wenig zahle, dass es für die Familien nicht reicht und sie als Versager nach Hause gehen müssen?“
Für mich verbinden sich mit dieser Geschichte drei Gedanken.
1) Wer arbeitet, soll sich nicht als Versager fühlen müssen. Denn wer arbeitet ist kein Versager. Im Gegenteil, in der Bibel gehört Arbeit zum Menschen. Menschen, die arbeiten und schaffen, die sind Mitarbeiter an Gottes Schöpfung. Wenn jemand, der arbeitet, sich dennoch als Versager fühlt, dann stimmt etwas nicht.
2) Ein gerechter Lohn muss gewährleisten, dass Menschen davon leben und ihre Lieben versorgen können. Der Maßstab, was gerecht ist, den findet Jesus nicht abstrakt. Er stellt keine Rechenspiele an mit Lohntabellen. Er macht auch keine Leistungsmessung. Jesus findet den Maßstab für Gerechtigkeit einzig und allein in der Frage: Können Menschen leben von dem, was sie arbeiten. Und zwar nicht nur als Singles, sondern so, dass sie sich auch Beziehungen leisten können.
Der 3. Gedanke in dieser Geschichte: Funktioniert hat das Ganze in der Geschichte, die Jesus erzählt, weil der Arbeitgeber das Wohl seiner Mitarbeiter und deren Familien auch zu seinem Maßstab gemacht hat. Dieser Arbeitgeber ist kein Versager, genauso wenig wie seine Mitarbeitenden.
Und wie ist es bei uns? Wenn Menschen trotz Arbeit ihre Familie nicht so versorgen können, dass sie am Leben voll teilhaben können? Nach biblischen Maßstäben liegt da ein Versagen vor. Aber nicht auf der Seite der Arbeitenden. 
 
Mittwoch, 1. September 2010
Seine Geschichten sind oft schräg und skurril. Zum Ende aber schälen sich aus ihnen meistens hilfreiche Lebensweisheiten heraus. Wenn man sich auf sie einlässt. Aber selten auf geradem Weg. Die Figuren in den Geschichten des badischen Dichters und Schriftstellers Johann Peter Hebel nehmen oft merkwürdige Umwege, bevor sie klüger werden. Aber vielleicht macht genau das die Geschichten lebenstauglich. Wissen kann man ja vielleicht auf geradem Weg erwerben, aber Weisheit und Lebensklugheit? Die findet man oft erst, wenn man bereit ist, die Umwege des Lebens anzunehmen und auch zu gehen.
Viele Figuren in Hebels Geschichten sind einfache Menschen, man könnte sie auch „naiv“ nennen. Mancher könnte sogar auf die Idee kommen, sie „dumm“ zu nennen. Aber solch ein Urteil könnte am Ende auf den Urteilenden zurückfallen.
Der vielleicht bekannteste „Naive“ bei Hebel ist ein Handwerksbursche, der trotz Unwissens lebensklug wird, ja sogar ‚durch’ sein Unwissen.
Der Handwerksbursche kommt auf seiner Wanderschaft nach Amsterdam. Ins Ausland also. Auch ins sprachliche. Beim Anblick eines prächtigen Hauses fragt er auf Deutsch einen Einheimischen, wem dieses Haus gehöre. „Kannitverstan“ bekommt er knapp zur Antwort. Stille Bewunderung beschleicht ihn.
Am Hafen angekommen beeindrucken ihn die Schiffe. Er erkundigt sich nach dem Eigner des größten und prächtigsten, wieder bekommt er zur Antwort „Kannitverstan“. Da beschleicht den Handwerksburschen Unzufriedenheit mit seinem Leben und Neid auf den reichen Herrn Kannitverstan.
Zu guter letzt gerät er in einen großen Leichenzug. Der Zug der Trauernden, der dem Sarg folgt, will kein Ende nehmen. Wer der Verstorbene sei, fragt er? Antwort: „Kannitverstan.“ Da vergeht ihm sein Neid und weicht Mitgefühl und Nachdenklichkeit. Und Hebels Lebensweisheit für seine Leser: „Wenn es dem Handwerksburschen wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele so reich waren und er so arm, dachte er nur an den Herrn Kannitverstan, sein Haus, sein Schiff und sein enges Grab.“
Ein echter Hebel:
Der Naive wird lebensklug, obwohl er falsch versteht, ja sogar, indem er falsch versteht.
Aber was ist, wenn man nicht mit solcher Naivität gesegnet ist, wenn man stattdessen versteht und gebildet ist? Kann einem das sogar den Weg zu solcher Lebensklugheit und Zufriedenheit verbauen? Vielleicht kann es das, wenn man vergisst, woran Paulus in der Bibel erinnert und was Hebel bei seinen Geschichten auch im Hinterkopf gehabt hat:
„All unser Wissen ist Stückwerk und die Erkenntnis wird aufhören, nur die Liebe bleibt.“
Johann Peter Hebel stammte selbst aus einfachen Verhältnissen. 1760, vor 250 Jahren, ist er in Basel geboren. Er hat früh beide Eltern verloren. Seine Mutter ist in seinen Armen gestorben, als er 13 war. Obwohl Waise, hat er eine klassische Bildungskarriere gemacht. Gönner haben sein Talent erkannt, ihm Schule und Studium ermöglicht.
Aber seine Bildung hat ihn nicht von seinen einfachen Wurzeln entfremdet. Gerade deshalb dürfte Hebel den einfachen Handwerksburschen in seiner Geschichte geliebt haben.
Hebel war Pädagoge und Theologe. Er wurde der erste Prälat der Badischen Landeskirche, vergleichbar heute einem „Landesbischof.“ Diesen Karriereschritt haben auch seine Geschichten – wie der Kannitverstan - befördert.
Er war geschätzt von Goethe genauso wie von den einfachen Menschen auf dem Land. Seine Helden gehen -wie gesagt- merkwürdige Wege, um der Lebensklugheit des Lesers auf die Sprünge zu helfen. Seine Geschichten Anleitungen zum „selber denken“. Auch für den Gebildeten, wenn man bereit ist, sich in ihren naiven Helden wieder zu finden. Und nicht hochnäsig auf sie herabschaut. Wie hat Paulus geschrieben: „All unser Wissen ist Stückwerk und die Erkenntnis wird aufhören, nur die Liebe bleibt.“

Donnerstag, 2. September 2010
Er ist ein beneidenswerter Mann, eigentlich: Paulus hat ein Ziel im Leben. Paulus, der Apostel aus dem Neuen Testament. Wer ein Ziel hat, macht mehr als Dienst nach Vorschrift. Aus einem Lebensziel kann man immer wieder neue Kraft schöpfen. Weil man weiß, wofür man sich anstrengt.
Wenn ich beobachte, dass ich mein Ziel aus den Augen verloren oder sogar ganz verloren habe, dann besteht die Gefahr, dass ich nur noch funktioniere. Und dabei wird man schnell müde. Ohne Ziel, zu dem ich innerlich stehen kann, schleicht sich irgendwann dieses lähmende Gefühl ein, ich lebe nicht mehr, ich werde gelebt. Ich erfülle Aufgaben, die andere mir stellen. Ohne eigenen Kompass werde ich letztlich unfrei. ‚Kein Ziel mehr'; ich glaube, das ist ein Alarmzeichen. Dann wird es Zeit, inne zu halten und das eigene Leben neu zu orientieren. Auf ein Ziel zu, dem ich traue, dass es gut ist, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen und abends müde zu sein.
Wie gesagt, Paulus hatte ein Ziel. Eigentlich ein beneidenswerter Mann. Aber selbst ein Ziel, das ich mir selbst gesucht oder persönlich zu Eigen gemacht habe, kann falsch sein. Und auch dafür muss ich innerlich aufmerksam sein.
Paulus hatte begriffen mein Ziel ist falsch. Zuerst stürzt das in eine tiefe Krise. Nichts mehr gesehen, habe er. Erzählt die Bibel. Wie blind sei er gewesen. Ohne Ziel ganz und gar orientierungslos.
Auch das soll es immer wieder geben: Auf einmal die Einsicht: Ich folge einer falschen Lebensspur. Mein Ziel trägt nicht, oder nicht mehr. Ich orientiere mich an Zielen, die gar nicht meine sein können. An Zielen, die in die Irre führen.
Paulus Ziel war, die junge Gemeinde der Christen zu bekämpfen, das hatte sein Leben mit Sinn erfüllt. Die Christusgläubigen waren für ihn Konkurrenten im Kampf um religiöse Marktanteile. Um Köpfe und Herzen.
Und dann - wie eine Offenbarung - ich lebe falsch, wenn ich mein Lebensziel darin sehe, Menschen zu bekämpfen. Andere klein kriegen zu wollen. Recht haben und siegen ist zu wenig als tragfähiges Lebensziel. Paulus orientiert sich neu: Jesus hat nicht gegen Menschen gelebt. Sondern für sie. Das wird auch seine neue Ziellinie. Nicht gegen Menschen, für Menschen. Nicht gegen etwas kämpfen, für etwas. Nicht hassen, Gutes wollen in allem was ich tue, Gutes wollen auch in allem was ich lasse. Menschen Gutes wollen in allem. Vor allem den Erniedrigten. Den Schwierigen. Denen die kein Ziel sehen im Leben. Keinen Sinn. Gutes wollen sogar denen, die sich verrannt haben.
Ein sehr hohes Lebensziel. Man kann es wohl nie ganz erreichen, meint Paulus. Aber deswegen bei der Suche nach einem Ziel von vornherein kleinere Brötchen zu backen, das ist keine Alternative. Das wäre für Geschöpfe Gottes, die wir nun mal sind, zu wenig, findet Paulus.
Nicht, dass ich dieses Ziel schon ergriffen hätte, schreibt er, oder vollkommen bin; ich jage ihm aber nach, ob ich es wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Paulus hat erkannt - so verstehe ich ihn: Man sollte sein Lebensziel nicht zu klein wählen. Nicht mit zu wenig zufrieden sein. Ein großes Ziel macht frei. Wenn es positiv ist. Meinem Wesen entspricht. Und mir selbst und anderen Menschen wahrhaft gut tut. Auf Dauer.
Deshalb muss ich immer wieder fragen, ob es noch stimmt, mein Lebensziel. Und ob ich noch in seine Richtung hin unterwegs bin.
Ob die Etappenziele, die ich mir setze, auch in die richtige Richtung deuten. Denn das ist ja auch richtig. Nur mit dem großen Lebensziel komme ich schwerlich durch jeden einzelnen Tag. Man muss das große Ziel in kleine Münzen tauschen. Ich muss mir kleine Etappenziele setzen, auf die ich zugehen kann, Die ich auch erreichen kann. Damit ich auch das Glück erleben kann. ‚Etappenziel erreicht’. Immer nur das ganz große Ziel vor Augen, das überfordert. Aber ohne großes Ziel verliert man die Orientierung.

Home
evangelische Sendungen im Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur
Evangelische Andachtstexte dieser Woche im DLF / DLR Kultur
Sie wollen nachlesen, was und wen Sie gehört haben? Hier finden Sie die Manuskripte und Autoreninfos.
"Gedanken zur Woche"
die aktuelle evang. Morgenandacht am Freitag im Deutschlandfunk hier zum Nachlesen
Manuskript-Archiv (evang.)
Sollte die Sendung auch schon ein wenig zurückliegen, hier finden Sie viele Texte der vergangenen Zeit.
Das Buch zu den evang. "Am Sonntagmorgen"-Sendungen im DLF
Die neue Reihe ab Februar 2009: "Beffchen, Bibel, Butterkuchen - Expedition ins evangelische Leben"
NACHLESE
Die DLF-Sendereihen Am Sonntagmorgen, die bisher als Buch erschienen sind.

IHRE MEINUNG:
Schreiben Sie an petra.schulze@gep.de   Wir freuen uns von Ihnen zu hören!
Ansprechpartner der katholischen Kirche
Unsere katholischen Kollegen sind auch erreichbar.


Fernsehgottesdienste | Das Wort zum Sonntag | Kirche im TV | Kirche im Radio | Themen | Das Team | Wissenswert | Bestellen |
HOMEPAGE | KONTAKT | SITEMAP | IMPRESSUM