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Andachtstexte dieser Woche
„Worte zum Tage“ im Deutschlandradio Kultur vom 8. bis 13. März 2010 von Pfarrer Klaus Möllering aus Berlin

aus Berlin.
Klaus Möllering
aus Berlin
Klaus Möllering wurde 1953 in Köln geboren, wuchs im Rheinland auf und studierte Evangelische Theologie in Bonn sowie Berlin. Nach dem Gemeindevikariat in Bonn arbeitete er von 1984 bis 1986 in Hörfunk- und Fernsehredaktionen des WDR. Danach war er stellvertretender evangelischer Rundfunkbeauftragter beim WDR, von 1994 bis 2006 dann evangelischer Senderbeauftragter für Deutschlandradio und Deutsche Welle. Er hat mehrere evangelische Sendereihen im Deutschlandfunk als Buch bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig herausgebracht. 2007 und 2008 leitete er die Evangelische Medienakademie und die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Seit 2009 ist er Seelsorger in einem Senioren-Wohnstift am Rande Berlins, macht weiterhin eigene Radiosendungen und bildet im Bereich Kirche und Medien aus, u.a. an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Klaus Möllering ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und ein Enkelkind.
E-Mail:
k.moellering@web.de


Montag, 8. März 2010
Lehrtext der Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine für den 8.3.
Lukas 9,2: Jesus sandte die Zwölf aus, zu predigen das Reich Gottes und die Kranken zu heilen.

Genau so habe ich mir Albert Schweitzer immer vorgestellt: Als schnauzbärtigen Arzt mit Tropenhelm, der in seinem Buschkrankenhaus Visite macht. Hier eine Diagnose stellt und dort anordnet, was zu tun ist. Dann, abends bei Kerzenschein, während der afrikanische Urwald eine vielstimmige Geräuschkulisse abgibt, spielt der anerkannte Bach–Experte Werke des großen Johann Sebastian auf dem tropentauglichen Klavier. Eine kleine Kathedrale aus Tönen, deren Harmonie und Gleichmaß völlig im Kontrast steht zu den wackligen Hütten und klapprigen Baracken des Buschkrankenhauses in Lambarene.
Die freundlichen Eingeborenen, die enthusiastisch den großen Doktor und Menschenfreund bejubeln. Und die hilfreichen Spender in Europa und den USA, die Schweitzers Projekt für den afrikanischen Kontinent ermöglichen und erhalten: Ein Krankenhaus für all die, die sonst ausgeschlossen blieben von jeglicher ärztlichen Hilfe. Der Film „Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika“ lässt kein Klischee aus über den Theologen und Humanisten, Mediziner, Musikwissenschaftler und schließlich auch Nobelpreisträger Albert Schweitzer, überzeugend gespielt von Jerome Krabbé. Und trotzdem bleibt das Filmporträt, das Ende letzten Jahres in die Kinos kam, nicht in diesen Klischees stecken.
„Ehrfurcht vor dem Leben“, das ist als Lebensmotto Albert Schweitzers bekannt. Doch der Film bebildert nicht einfach, was ein außergewöhnlicher Idealist erreichen kann, wenn er es nur hartnäckig versucht. Er führt einen mitten in die Auseinandersetzungen um die Atombombe Anfang der fünfziger Jahre, in die der gute Mensch aus Lambarene plötzlich hineingezogen wird. Ein anderer Albert, Albert Einstein, Physiker und Freund Albert Schweitzers, hatte sich da klarsichtig an die Spitze des Protests gegen diese neue Massenvernichtungswaffe gesetzt. Und gerät damit mitten in die Hexenjagd der McCarthy-Ära in den USA. Aber auch Albert Schweitzer, getreu seinem Motto der „Ehrfurcht vor dem Leben“, bringt durch seine Unterstützung der Atomwaffengegner fast sein afrikanisches Projekt Lambarene zum Scheitern. Da stellt der Film spannende Zusammenhänge her, die ihn überzeugend machen.
In den inneren Kämpfen, ob er seinem Lebensmotto folgen und damit sein Lebenswerk aufs Spiel setzen soll, sagt Albert Schweitzer im Film irgendwann resigniert: „Ach, eigentlich bin ich wohl kein Mensch für dieses Jahrhundert.“ Doch Albert Schweitzers Lebensmotto ist aktuell. Das zeigt die in unseren Tagen wieder neu und weltweit diskutierte Vision einer atomwaffenfreien Welt für das 21. Jahrhundert. Ehrfurcht vor dem Leben ist einer der besten Gründe, damit auch weiterhin Ernst zu machen.


Dienstag, 9. März 2010
Lehrtext der Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine für den 9.3.
Epheser 1,18: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.

Graue Schneehalden vor dem Café, so weit wir sehen konnten. So wie sie der Winter und die allmorgendlich vorbeibrummenden Schneepflüge immer wieder am Straßenrand abgeladen hatten. Davor eisglatte Bürgersteige, auf denen die Menschen an den weißen Haufen vorbeischlidderten, unter denen Autos wochenlang Winterschlaf hielten. Alles hatte der Winter fest in seinem kalten Griff.
Und genauso grau und trostlos wie die Welt da draußen war dem Freund innerlich zumute, der mir gegenüber saß. Es war ein langes Gespräch gewesen, über ihn und seine Freundin. Immer wieder war die Kellnerin mit Kaffee vorbeigekommen – inzwischen war auch die letzte Tasse kalt geworden. Ich hatte lange zugehört, während dieser Winterreise durch eine Beziehung, deren Erkalten sich wie eine Schneedecke auf zwei Seelen gelegt hatte. Und wie so oft war nicht wirklich auszumachen, wer oder was diese anfangs so lebendige Beziehung hatte abkühlen lassen, erst allmählich, dann immer mehr. Aber spielte das noch eine Rolle? Jetzt, da den beiden nicht einmal die lauwarme Gewohnheit geblieben war, die danach noch eine Weile zuhause geherrscht hatte. Sie waren enttäuscht, ratlos - und vor allem hoffnungslos. Konnte denn eine Beziehung tatsächlich so erstarren und erkalten wie all die Eismassen, die der Winter dort draußen hinterlassen hatte?
Und konnte ich einfach aus meiner eigenen Erfahrung davon erzählen, dass es so nicht bleiben muss? Ob das meinen Freund trösten würde? Würde ich mit meiner Zuversicht sein Leiden am Winterschlaf dieser Beziehung nicht einfach beiseite wischen? Mit meiner Erfahrung, dass man sich dann sicherlich für eine Weile warm anziehen muss, wenn sich was ändern soll. Aber dass neben fachkundiger Hilfe vor allem, bildlich gesprochen, auch die Hoffnung auf Frühling dieses Eis brechen kann?
Ich habe es dann doch gewagt. Und so wie an dem Nachmittag draußen vor der Tür zum ersten Mal seit Langem eine zaghafte Wintersonne ihre letzten Strahlen zwischen die langen Schatten der Häuser schickte, kam dann auch in unser Gespräch Bewegung. Ging hin und her, so wie früher, wenn wir in diesem Café zu wärmeren Zeiten manchen Abend draußen gesessen, miteinander diskutiert und uns gegenseitig in unser Leben hatten schauen lassen. Mehr für möglich halten als der eigene Horizont hergibt – das war sonst gut gewesen. Und ließ auch diesmal ein neues Licht, einen anderen Blick zu.
Auch wenn in diesem grimmigen Winter manchmal kaum vorstellbar war, dass das Eis nun tatsächlich schmilzt und verschwindet – wenn jetzt die Sonne länger scheint, lässt sich leichter auf den Frühling hoffen. In jeder Beziehung.


Mittwoch, 10. März 2010
Matthäus 18,3: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Ein strahlend schöner Winternachmittag war das neulich und die Sonne tat alles, um unseren Spaziergang über die große Schneefläche so warm und freundlich wie möglich zu beleuchten. Erst nach einer Weile fiel mir auf: Alle, die uns entgegenkamen, lächelten. Das war wohl nicht allein die Freude am Sonnenschein. Es war wohl auch nicht so sehr mein eigener Spaß, den wahrscheinlich keiner in meinem Gesicht übersehen konnte. Es war dieses glückliche Kind, das hinter mir im Schlitten saß, mit beiden Armen winkte und mich mit vergnügten Geräuschen voran trieb. So eine Art Schnalzen und ein Wiehern, denn ich war das Pferd, das den Schlitten zog – und am liebsten sollte es die ganze Zeit im Galopp gehen. Meine Enkeltochter verstand es, so klein sie mit ihren anderthalb Jahren auch ist, mich damit auf Trab zu halten. Jede Kurve machte dieses Vergnügen größer, jeder Schlenker mit dem Schlitten machte es schöner. Darüber gluckste sie vor Vergnügen.
Die charmanteste Enkeltochter der Welt - wir beide waren ein Gespann, dessen Anblick wirklich keinen kalt ließ. Ich merkte daran wieder einmal etwas von dem besonderen Zauber, der zwischen Großeltern und Enkeln oft herrscht. Wenn ich vergleiche, was ich früher als Vater und nun als Großvater erlebe: Jetzt ist da noch etwas anderes mit im Spiel als die Freude an allem, was den Kinder bereits gelingt, was sie schon können. Natürlich kann ich nun als Großvater auch gelassener sein, mich auf meine Erfahrung verlassen. Aber ich darf doch viele Erziehungspflichten locker hinter mir lassen und mich viel mehr dem gemeinsamen Spaß widmen. Und wenn der Spaß vorbei ist, ist jemand anderes da, der die Lasten der Elternrolle auf sich nimmt. Unfair? Nein, die habe ich ja früher selbst genauso übernommen. Jetzt bin ich Opa, jetzt darf ich umso mehr die schönen Seiten genießen und die Lasten loslassen.
Großeltern lernen das Loslassen neu. Das müssen Eltern natürlich auch irgendwann mal lernen, genauso wie sie all das andere lernen müssen, was in der Erziehung ihren Kindern zugute kommen soll. Manches davon gelingt, manches auch nicht. Mit dem müssen Eltern und Kinder dann leben. Eltern müssen, Großeltern dürfen. Sie dürfen sich am Müssen einfach mal vorbeimogeln. Zweckfrei und ziellos sein. Dann treffen sie sich mit ihren Enkeln auf Augenhöhe: zum Spielen. Das ist, finde ich, wie wenn man auf einmal ein Hintertürchen ins Paradies gefunden hat. Lange genug war etwas ganz anderes dran: Im Schweiße meines Angesichts für das täglich Brot arbeiten – oder etwas ähnlich Ernstes. Nun stehe ich, für ein kostbares Weilchen, als Großvater wieder da, wo ich schon als Kind war und darf, wenigstens auf Stippvisite im Paradies, noch einmal mitspielen. Dafür mache ich doch gerne das Pferd.

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