Morgenandachten vom 21. - 26. Juni 2010
von Antje Borchers, Lemgo und die "Gedanken zur Woche" am Freitag von Pfarrer Stephan Krebs, Damrstadt
Montag, 21. Juni 2010 Es gibt Tage, da möchte man alles anders machen, da merkt man: So wie bisher kann es nicht weitergehen. – Genau das jedenfalls hat »der Zöllner« gemerkt. Als Zöllner lebt er nicht schlecht, verdient nicht schlecht, aber gut… na ja, gut geht es ihm trotzdem nicht. Es gibt Tage, da würde Zachäus, der Zöllner, gern mal mit jemandem reden, vertrauensvoll, ohne geschäftliches Taktieren, einfach so von Mensch zu Mensch. Es gibt Tage, da wünscht er sich ein ehrliches Gespräch. Dann, ja dann… würde er, Zachäus, sich selbst vielleicht auch trauen, Mensch zu sein, Leuten freundlich zu begegnen, nicht nur auf seinen eigenen Vorteil zu achten. Heute ist so ein Tag. Aber leider hat Zachäus der Zöllner keine Freunde – und seine beruflichen Kontakte eignen sich nicht wirklich, um ehrlich mit jemand ins Gespräch zu kommen. Denn genau genommen ist auch er kein Freund für andere. Genau genommen hat er im letzten Jahr die Leute ein bisschen über den Tisch gezogen, hat ihnen hier und dort mehr Geld abgeknöpft, als nötig gewesen wäre. Nun, öffentlich zugeben würde er es nicht – oder es müsste schon ganz schön viel passieren – aber stimmen tut es trotzdem: Sein Herz wärmen kann man am Geld nicht. Wärmen könnte man sich an einem guten Wort, an einem liebevollen Blick. Darum hockt er jetzt auch in diesem Baum. Ein bisschen lächerlich ist das Ganze schon. Er, Zachäus, ein Mann vom Zoll, wenn auch nicht gern angesehen, so doch immerhin gefürchtet, hockt hier im Baum, hoch über den Köpfen der Leute. Würde ihn hier jemand sehen, dann wäre selbst der letzte Respekt dahin. – Doch es muss sein. Er muss hier sitzen. Er hätte gerne da unten in der ersten Reihe gestanden, aber die da unten ließen ihm keine Chance. Sie drängten ihn ab – genussvoll, war sein Eindruck. Tja, die Rache der kleinen Leute, die er nicht gut behandelt hatte. Nun sitzt er also in dem Baum. Denn er, Zachäus, will diesen Jesus auch sehen, wenn er vorbeikommt, diesen, diesen… ja, wer ist dieser eigentlich?! Und was will er? Hoppla, das entwickelt sich ja prächtig: ausgezeichneter Blick auf Jesus! Ausgerechnet jetzt wird Jesus nämlich langsamer, sieht so aus, als wolle er gerade hier unter dem Baum stehen bleiben. Super, sehen ohne gesehen zu werden. Das ist sowieso das Beste. Doch Jesus… bleibt nicht nur stehen, Jesus sieht hoch. Warum auch immer! Den Zöllner trifft es wie ein Schlag. »Zachäus, komm da runter. Ich muss heute bei dir einkehren.« Er will zu mir! Er will wirklich zu mir! Der Zöllner ist selig. Vom Baum runter, Jesus willkommen heißen und warm ums Herz werden, ist eins. Als die anderen Leute das mitkriegen, murren sie. »Bei einem Sünder kehrt er ein!« Und Zachäus? Er wird ein Mensch. »Jesus, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.« Darauf Jesus zu ihm: »Heute ist deinem Haus Heil widerfahren.« – Und zu den anderen: »Er gehört auch zu Gottes Familie. Ich will Menschen wie ihn, die mutterseelenallein sind, suchen und selig machen.« Es gibt Tage, da will man alles anders machen, da will man ein Mensch werden. Und – es geht. Weil Jesus einen ansieht, freundlich.
Dienstag, 22. Juni 2010 Es gibt eine Moral, die unerträglich ist. Das ist die Moral der guten Gesellschaft, die in der Öffentlichkeit verurteilt, was sie im stillen Kämmerlein selbst veranstaltet. Es gibt eine Moral, die unerträglich ist, es ist die Doppelmoral der Anständigen. Davon jedenfalls kann die Frau ein Lied singen. Doch fast könnte sie überhaupt nicht mehr singen, nicht mehr atmen und nicht mehr leben. Denn die Doppelmoral beendete fast ihr Leben. Aber da mischte sich einer ein, auch einer mit Anstand, aber mit ganz anderem Anstand. Und damit begann für sie das Leben. Was für ein Glück. Die Frau schläft mit Männern. Und verdient sich so ein bisschen Geld zum Leben. Geliebt wird sie dafür nicht. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Sie wird verachtet. Von den Frauen? Vielleicht. Von den Männern auf jeden Fall. Wie sie diese Doppelmoral hasst. Wer sind diese Männer denn!?! Gestern Nacht waren sie noch zu ihr gekommen, umgarnten sie, ließen sich von ihr verwöhnen. Sie schnurrten wie Kater, waren zärtlich – aber alles nur in den schummerigen Gemächern. Heute, im hellen Licht der Öffentlichkeit geben sie sich moralisch einwandfrei, ehrbare Familienväter, rechtschaffene Bürger. Die sich natürlich auch an Gott halten, zumindest an seine Gebote. Natürlich! Woher sonst wissen sie so genau, was Recht ist und was Unrecht!? Das vor allem: Unrecht. Darum wollen sie plötzlich kurzen Prozess mit ihr machen, die einen als Ankläger, die anderen als Richter. Sie, »die Sünderin«, würde Ehebruch begehen, gegen Gottes Regeln verstoßen. Und darauf stehe der Tod. Tod durch Steinigung. Die, zu denen sie zärtlich gewesen war, die selber zärtlich gewesen waren, die zeigen sich heute hart, unbarmherzig. Natürlich, die Frau könnte ihre Namen nennen. Dort vor diesem selbst ernannten Gericht. Aber wer hört schon auf die Stimme einer Frau wie sie, einer Sünderin? Jedenfalls nicht im grellen Tageslicht. Da hört man auf die Stimme der Anständigen, der moralisch Einwandfreien. Die haben das Wort. Und die Macht. Über Leben und Tod. Und fast hätten sie wieder ein Opfer gefunden. Es war knapp davor. Sie haben sie aus ihrem Haus gezerrt, anständig und aufrecht, aus dem Haus, aus dem die Doppelmoralischen sonst nur geduckt hinaushuschen, im Dunkeln. Jetzt zerren sie die Frau bis ins Stadtzentrum, zum Gotteshaus, und dort… sitzt »er«. Er, den sie, die Sünderin, seitdem liebt. Nicht wie die anderen Männer, nicht mit ihrem Körper, aber mit ganzem Herzen. Er ist barmherzig, zärtlich mit den Menschen, auch im Licht der Öffentlichkeit. Denn er versteht etwas vom Leben, er weiß, dass kein Mensch moralisch einwandfrei ist. Doch die Ankläger und Richter können sich so etwas nicht vorstellen von einem anderen Mann, einem frommen Mann. Sie fragen ihn: Sag doch mal, Meister Jesus, was sollen wir mit ihr machen? Laut unserem Gesetz, den Geboten Gottes, steht auf Ehebruch der Tod durch Steinigung. Ist es nicht so!?!? Und Jesus? Er fährt mit dem Finger durch den Sand, eine ganze Weile, die Frage hängt in der Luft. Dann guckt er hoch. Sagt: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. – So weise. Dafür liebt sie ihn. Für immer. Von den Männern verlässt einer nach dem anderen den Schauplatz. Zu ihr, der Frau, sagt Jesus dann: Wo sind deine Ankläger? Keiner von ihnen hat dich verurteilt. Dann tue ich es auch nicht. Du bist frei, sündige nicht mehr. – Dabei hätte dieser Jesus vielleicht sogar das Recht sie zu verurteilen. Aber: er tut es nicht, Jesus vergibt. Die Frau ist glücklich, jubelt. »Ich lebe. Hier, bei ihm. Weil ich geliebt bin, hier von ihm«. Und sie hofft: Vielleicht kommen ja auch die Doppelmoralischen wieder zurück, vielleicht begreifen sie es: Jesus liebt auch sie, die so verstrickt sind in ihre Moral. Jesus befreit auch die Selbstgerechten aus ihrer Verstrickung. Wir Menschen müssen nicht über andere richten. Genau diese Moral ist das, was uns von Gott trennt. Dabei könnten wir lieben – so wie Jesus: barmherzig, zärtlich, großzügig. Und das Leben würde beginnen.
Mittwoch, 23. Juni 2010 Es gibt Sätze, die verändern eine ganze Welt – und nicht zum Besseren. Das hat »der Fischer« erlebt. Der Fischer ist ein sympathischer Mann, einer mit Herz. Ein Arbeiter, der zupacken kann und es auch tut. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als die Zeit zurückdrehen zu können, eine zweite Chance zu bekommen. Er hätte für sein Leben gern den Satz, den er gesagt hat, einfach zurückgenommen. Dann hätte er einen ganz anderen Satz gesagt. Dann hätte er gesagt, dass er, ja, dass er… aber das ging halt nicht. Gesagt war gesagt. Wer kann so etwas schon ungeschehen machen? Natürlich, er hätte einfach seinem Beruf weiter nachgehen können, Fischen. Machte er ja auch. Schließlich musste er seine Familie ernähren. Aber wenn er frühmorgens nach der Arbeit noch auf dem Schiff hockte und die Netze flickte, dann überfielen sie ihn, seine eigenen Vorwürfe: Hätte ich bloß nicht diesen Satz gesagt, geschrieen habe ich ihn: »Ich kenne den nicht!« Wenn Simon, der Fischer, daran dachte, tat es ihm unendlich leid. Er hatte seinen Freund verleugnet, als es für den um Tod und Leben ging. Und er, Simon war zu feige, sich zu ihm zu stellen. Was nützten alle guten Erklärungen, dass er um sein eigenes Leben gebangt hatte, dass die Ereignisse ihn überrollt hatten, dass jeder andere ebenso hilflos gewesen wäre…!?! Simon konnte es nicht ertragen, konnte sich selbst nicht mehr ertragen, er hatte seinen Freund fallen gelassen, seine Überzeugungen verraten. »Freund« – das ist viel zu wenig, er war sein Leben, die Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit ihm war der Traum von Gottes gerechter Welt zum Greifen nah. Simon und die anderen, sie hatten erlebt, wie Jesus Menschen glücklich gemacht hat, rausgerissen aus dem tödlichen Einerlei, wie er sie geheilt hat, ermahnt, geliebt… Sie hatten erlebt, wie sie selbst mutiger wurden, lebensmutiger, immer mehr den Möglichkeiten vertrauten, die Gott ihnen gegeben hat. Sie merkten, hier ist einer, der bringt uns die Kraft Gottes. – Wenn Simon an all das dachte, dann überfiel ihn die Trauer, unendliche Trauer darüber, was er alles verloren hatte. Seinen Freund, seinen Lebenstraum, den Respekt vor sich selbst. Manchmal wachte Simon nachts auf, weil er diesen Traum von einem guten Leben immer wieder träumte – und doch wusste: Es war vorbei, alles vorbei, Jesus war tot. Und Simon fühlte sich schuldig. Darum fuhr er also raus zum Fischen, Nacht für Nacht, als wäre nichts geschehen. – Doch letzte Nacht ist etwas geschehen. Letzte Nacht hat alles verändert. Sie hatten nichts gefangen. Als es dämmerte, kehrten sie um, Richtung Ufer. Und da stand einer, der schickte sie zurück aufs Wasser, »werft die Netze noch einmal aus«, sagte er. Jetzt?!? Es ist doch schon fast Tag… Na egal, sie machten es, es war sowieso alles egal. Und dann hatten sie die Netze voll. Und einer von ihnen meinte plötzlich, »der da, am Ufer, das ist Jesus«. Ach, du meine Güte! Jesus!?! Wollte der Fischer dem begegnen? Konnte er? Irgendwie ist Simon dann doch ans Ufer. Es war Jesus. Er lebt doch! – Oder: Er lebt anders, in der neuen Welt Gottes. Der Fischer begreift es kaum, aber es ist so, wie Jesus es immer gesagt hatte: »Eine kleine Weile werde ich nicht bei euch sein, aber ich werde leben. Und ihr sollt auch leben!« Es gibt Sätze, die verändern ein ganzes Leben – zum Besseren. Einen solchen Satz hört der Fischer nun von Jesus: »Simon, hast du mich lieb?«. Simon begreift sofort, nichts steht zwischen uns, nicht meine Feigheit, nicht mein Verrat unserer Freundschaft, gar nichts. Jesus liebt und vergibt. Wir gehören immer noch zusammen, ich zu ihm, und er zu mir. Es gibt Sätze, die möchte Simon immer wieder sagen. »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.« Und er fühlt sich wie neugeboren. Er kann ein neues Leben anfangen, heute!
Donnerstag, 24. Juni 2010 Es gibt Geschichten, die kann man nicht glauben, es sei denn, man hat sie selbst erlebt. Genau so ist es »dem Intellektuellen« ergangen. Seitdem weiß er: Man kann Pläne machen, aber das Leben – oder sagen wir: Gott – schreibt seine eigene Geschichte mit einem Menschen. Der Intellektuelle sprach mehrere Sprachen, war berühmt für seine messerscharfen Gedanken, für seine Überzeugungen. Berühmt über die Landesgrenzen hinaus. Berühmt… und berüchtigt. Denn seine Überzeugungen vertrat er, Saulus, kompromisslos. Vor allem diese neue religiöse Bewegung, die Christen, die haben das bitter erfahren. Saulus verfolgte sie mit allen Mitteln. Er hatte beste Kontakte zu den höchsten Kreisen, ließ Papiere gegen die Christen aufsetzen, war bevollmächtigt, sie gefangen zu nehmen und nach Jerusalem zu bringen. Saulus wohnte auch schon mal einer Lynchjustiz bei. Ihm war jedes Mittel recht, um dieses Pack mundtot zu machen. Denn Saulus konnte einfach nicht verstehen, wie rechtschaffene Leute einem dahergelaufenen Wanderprediger glaubten!?! Der von Gott behauptet hatte, er sei wie ein liebender Vater. Dieser Prediger, Jesus, hatte im Namen Gottes Schuld vergeben. Dabei darf nur Gott Schuld vergeben! Jesus hatte Menschen akzeptiert, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte, hatte Unwürdige in Gottes Namen gesegnet. Ja, Jesus hatte sogar behauptet, Gottes Gnade gelte allen Menschen, auch den Ausländern. Wie konnte Jesus den heiligen Bund Gottes mit seinem einzigen Volk, den Juden, so missachten!? Dieser Jesus hatte gegen so vieles verstoßen, was einem Juden heilig ist. Er behauptete sogar, dass das, was er sagte und tat, dass das alles den Willen Gottes repräsentiere, dass er mit Gott im Bunde sei … Was für eine Gotteslästerung! Kein Wunder, dass es mit Jesus ein übles Ende genommen hatte. Zum Tode hatte man ihn verurteilt. Recht so! Auf Gotteslästerung steht die Todesstrafe. Ha!, aber dann… Die Freunde von Jesus jubelten plötzlich: Jesus lebt, Jesus, der HERR, ist auferstanden. Saulus packte die heilige Wut: Nur Gott ist HERR! Darum: Was in Saulus’ Macht stand, das wollte er tun, um dieses religiöse Unkraut im Keim zu ersticken. Gerade jetzt war er unterwegs nach Syrien. Dort im fernen Damaskus gab es tatsächlich schon Menschen, die meinten, ihnen gelte Gottes Liebe auch. Pah! Die sollen spüren, was ihnen gilt! Schläge, Fesseln, Vernichtung. Saulus war überzeugt: In Damaskus hatten sie längst von ihm gehört. Sollten sie ruhig zittern! Er würde ihnen zeigen, wer der wahre HERR ist, wer Gott ist. Tja, und dann schrieb das Leben – oder sagen wir: Gott – seine eigene Geschichte mit Saulus. Gott warf Saulus aus der Bahn. Kurz vor Damaskus. Dort sah Saulus ein gleißend helles Licht vom Himmel. Er fiel zu Boden, hörte eine Stimme: Saul, Saul, was verfolgst du mich? – Saulus antwortete: Herr, wer bist du? – Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt, dort wird man dir sagen, was du tun sollst. Saulus war fassungslos. Konnte das sein? Diese Stimme vom Himmel, dieser Herr ist Jesus? Stimmte doch alles, was er gesagt hatte? Und lebte er tatsächlich!? – Saulus blickte nicht mehr durch. So, wie er die Welt bisher gesehen hatte, konnte er sie nicht mehr sehen. Drei Tage war er blind. Und dann… kommen die Christen von Damaskus zu ihm. Sie hatten von Saulus, dem Todfeind, gehört. Aber sie nehmen ihn freundlich auf. Bewirten ihn. Segnen ihn. Saulus zögert nicht, er lässt sich taufen auf den Namen Jesu. Und weil er diese Geschichte von der Versöhnung, diese kaum zu glaubende Geschichte selbst erlebt hat, erzählt er sie in der ganzen Welt, damit alle von Jesus Christus hören.
Freitag, 25. Juni 2010 als "Gedanken zur Woche" von Pfarrer Stephan Krebs aus Darmstadt Fußball ist ein Spiel. Weiter nichts. Woher dann die Dramatik? Woher kommen all die Gefühle, die patriotischen und die persönlichen? Diese Gefühle kommen so intensiv, gerade weil es nur ein Spiel ist. Der Fußball schafft für eine kurze Zeit einen kleinen, geschützten Raum. Darin kann man sich den ganz großen Gefühlen hingeben, ohne dass man echte Folgen zu tragen hat. Im Alltag kommen die meistens nur in ganz kleinen Portionen vor. Und wenn doch, dann oft mit dramatischen Folgen. Zum Beispiel, wenn man etwas wichtiges verliert. Anders beim Spiel. Wenn es vorbei ist, dann halten die Gefühle vielleicht noch ein paar Minuten oder Stunden an. Aber dann kehrt man in sein eigenes Leben unverändert zurück. Zugegeben: Es gibt Ausnahmen. Etwa das Sommermärchen 2006, als die Fußball-WM in Deutschland stattfand. Da entdeckten die Deutschen plötzlich, dass die Farben Schwarz-Rot-Gold nicht nur für ein schuldbeladenes Vaterland stehen. Sondern das sie auch ganz peppige Party-Farben sind. Heute gibt es sogar schwarz-rot-goldene Strümpfe für die Außenspiegel der Autos. Ausnahme ist jetzt auch für Afrika, den abgehängten Kontinent. Für ihn ist es eine Ehre, zum ersten Mal dieses Turnier austragen zu dürfen - und das auch zu können. Deshalb gönne ich es dem Team aus Ghana von Herzen, dass es weitergekommen ist. Aber normalerweise ist Fußball ein Spiel, nichts weiter. Es schafft Raum für große Gefühle. Es lässt Hoffen und Bangen. Es lässt Tränen fließen und Freudenschreie jubeln. Sieg und Niederlage werden hautnah erlebt und miteinander geteilt. Es ist das ganze Leben im Kleinen. Deshalb erleben Spieler und Zuschauer auch hautnah, dass sie das Spiel nicht wirklich im Griff haben. Sie sind einem Schicksal ausgeliefert, das sie nicht kennen, und einer Macht, deren Handeln sie nicht entrinnen können. Deshalb ist das Stadion auch ein Ort des Glaubens. Dort kann man Gott erfahren. Die Spieler spüren das am intensivsten. Es ist kein Zufall, dass viele von ihnen religiös sind. Gut die Hälfte der deutschen Mannschaft bekennt sich zum christlichen Glauben, drei weitere sind engagierte Muslime. Der Mannschaftskapitän Philipp Lahm ist bewusst evangelisch, er unterstützt zum Beispiel kirchliche AIDS-Projekte. Der Verteidiger Arne Friedrich bezeichnet den Glauben als „Eckpfeiler seines Lebens“. Wenn Fußballern ein geniales Tor gelingt, dann dürfen sie sich von Gott beschenkt fühlen. Und wenn sie einen bösen Fehler machen, dann können sie sich der Gnade Gottes anvertrauen. Sie können sich dessen genauso wenig sicher sein wie wir alle. Aber sie können daran glauben und daraus ihre Zuversicht ziehen. Wie wir alle. Befragt man die Spieler, wofür sie beten, dann sagen sie: Für ein faires Spiel, also für Gerechtigkeit. Gegen Verletzungspech, also für Gesundheit. Das sind Wünsche, die wir alle haben. Manche beten auch für den eigenen Sieg. Das hört Gott sicher auch. Aber ich glaube kaum, dass er sie erhört. Denn der Sieg des einen ist die Niederlage des anderen. Wenn Gott ein Fußballer ist, und davon gehe ich aus, denn Gott interessiert sich für uns Menschen und ist deshalb sicher auch in den Stadien. Also: Wenn Gott ein Fußballer ist, dann ist er sicher unter denen, die wissen, wo der Spaß aufhört und ein übertriebener Ernst anfängt. Dann ist er sicher bei denen, die mit ihrem Gegner so umgehen, wie sie wünschen, dass er mit ihnen umgeht. In Südafrika tanzt er hoffentlich auch mit den Leuten in den Townships und lässt sie eine große Zuversicht daraus schöpfen, dass die Fußballwelt bei ihnen zu Gast ist. Und am Mittwoch Abend, als das deutsche Team gegen das aus Ghana spielte, da war Gott sicher auch in Frankfurt Sachsenhausen. Das Spiel haben die deutsche Maria-Magdalena-Kirchengemeinde und die ghanaische Gemeinde zusammen geguckt. Lustig, leidenschaftlich und laut ist es da zugegangen. 200 Menschen haben mit gefiebert, Fähnchen geschwenkt und getrötet. Am Ende haben alle zusammen gefeiert.
Sonnabend, 26. Juni 2010 Lydia ist Geschäftsfrau, Stoffhändlerin, eine von den ganz Großen. Die Käufer kommen zu ihr, in ihr Haus. Nur wenige können sich ihre Stoffe leisten, teure Stoffe, für exklusive Kleidung. Aber diese wenigen kommen. Und kaufen. Mächtige, Schöne, Reiche. Doch trotz ihres beruflichen Ansehens merkt Lydia, die Geschäftsfrau, deutlich: Sie ist eine Frau, ist eine Frau, ist eine Frau. Das jedenfalls lassen die Männer sie spüren. Und nicht nur im Geschäftsleben, auch im gesellschaftlichen Leben und erst recht im religiösen. Gerade da tut es Lydia besonders weh, denn dort, davon ist sie überzeugt, dort geht es um die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Über diese Dinge würde sie gerne mal reden. Sie hat genug gesehen, sie weiß, teure Kleider, schöne Gesichter, potente Männer – davon sollte man sich nicht zu viel versprechen. Wie gern würde sie mal ihre Sicht der Dinge kundtun: Dass eine Frau genau so viel wert ist wie ein Mann, zum Beispiel. Oder: Dass Menschen, die seit Generationen an Gott glauben, und solche, die ganz neu dabei sind, für Gott gleich wichtig sind. Oder dass es ganz egal ist, ob man Ausländerin ist oder nicht. Aber es gibt eben Dinge, die gibt es leider nicht, jedenfalls nicht in der Welt, in der die Geschäftsfrau lebt. Bisher lebte. Sie hat nämlich den griechischen Götterglauben mit Zeus, Hera, Aphrodite und all den anderen Göttern längst hinter sich gelassen. Denn auch bei diesen Göttern gilt immer nur: schöner, besser, potenter. Ein Gott sägt am Stuhl des anderen, Kämpfe, Intrigen, Niederlagen – die Götter sind derart mit sich beschäftigt… und sollen für Glück und Unglück der Menschen zuständig sein!? Pah! Seit einiger Zeit hält sich die Händlerin Lydia darum zu den Juden, Leute, die allein an den einen Gott glauben. Dieser Gott sagt zu seinem Volk: »Ich bin der Herr, dein Gott, dein einziger Gott. Ich habe dich befreit aus der Sklaverei.« – Klar, die Geschäftsfrau weiß, damit ist diese große Sache damals in Ägypten gemeint, wo das ganze Volk für den ägyptischen Gottkönig schuften musste. Aber der eine Gott hat sein Volk aus diesem Sklavenleben befreit. Glücklich, wer zu diesem Gott gehört. Aber so richtig dazugehören tut sie nicht. Denn sie ist eine Ausländerin, Griechin. Da kann sie nur zu den »Gottesfürchtigen« gehören, aber nicht zu den Gotteskindern. Das sagen zumindest die, die schon seit Generationen dazu gehören. Und sie ist eine Frau. Frauen dürfen nicht in das Heiligste und dort beten, sagen die Männer. Darum sitzt Lydia auch heute wie so oft mit den anderen Frauen draußen am Fluss und betet dort und redet. Da kommen zwei Männer zu ihnen. Setzen sich zu ihnen, hören zu, fragen nach. So etwas gibt es doch eigentlich gar nicht. Aber wie gut ist es, wenn so etwas doch passiert! Und was sie erzählen, ist noch viel besser. Sie erzählen von dem einen Gott, der die Menschen auch heute noch befreit, der selber ein Mensch wurde. Sie erzählen von Jesus. Ein Satz dieser Christen, wie sie sich nennen, trifft Lydias Herz: »Für Jesus Christus zählt weder Mann noch Frau, nicht Griechin oder Jüdin, nicht Herr oder Sklave. In Jesus Christus seid ihr alle gleich. Und wenn ihr zu Christus gehört, seid ihr Gottes Kinder.« Was für eine Freiheit! Es gibt Dinge, die gibt es also doch! Lydia handelt beherzt: Kommt, ich möchte getauft werden, mit Haus und Hof. Zu diesem Gott, Jesus Christus, will ich gehören. Lydia ahnt, ach, sie weiß: Das hier ist das wahre Leben. Dieses freiheitliche Leben in Jesus Christus, das müssten alle erleben. In dem man atmen kann, glücklich sein. Und feiern.
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"Gedanken zur Woche"
die aktuelle evang. Morgenandacht am Freitag im Deutschlandfunk hier zum Nachlesen
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Manuskript-Archiv (evang.)
Sollte die Sendung auch schon ein wenig zurückliegen, hier finden Sie viele Texte der vergangenen Zeit.
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NACHLESE
Die DLF-Sendereihen Am Sonntagmorgen, die bisher als Buch erschienen sind.
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