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Morgenandachten vom 4. - 9. Januar 2010

von Pastor Olaf Droste, Bremen sowie die "Gedanken zur Woche" am Freitag von Pfarrer Jörg Machel, Berlin

Montag, 4. Januar 2010
Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht! Viele Sprüche und Zitate aus der Bibel sind in unsere Sprache eingewandert. So wie dieser, aus dem Buch der Sprüche im Alten Testament, auch bekannt als Sprüche Salomos.
Meistens wissen wir gar nicht mehr, dass solche Worte aus der Bibel stammen. Und wie viele andere, so hat auch dieser gute Rat über die „bösen Buben“ im Lauf der Zeit unterschiedliche Bedeutungen bekommen. Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht! Das war früher mal  ein Ratschlag an junge Mädchen, manch Älterer erinnert sich vielleicht daran. Ein humorvoller Rat freilich, meistens von den Eltern mit einem gewissen Augenzwinkern ausgesprochen,, das sagen sollte: Wir wissen ja, dass unsere guten Ratschläge nicht viel nützen, aber pass ein bisschen auf dich auf! Und gerate uns bloß nicht an den Falschen! Von meiner Großmutter habe ich einen Stopfpilz geerbt, der heute noch in einem alten Nähkasten auf dem Dachboden liegt. Zwanzig oder  dreißig Zentimeter ist dieser hölzerne Pilz groß.  Über seinen den Kopf  kann man Socken und Strümpfe ziehen, die Löcher bekommen haben. Sie sind dann glatt und gleichmäßig gespannt und können bequem gestopft werden. Nur gibt es heute nicht mehr viele Menschen, die Socken stopfen; insofern ist das Ding ein Relikt aus der so genannten guten, alten Zeit. In die hölzerne Oberfläche dieses Stopfpilzes meiner Großmutter ist eine Variante des Bibelspruches eingraviert: „Wenn dich die bösen Buben locken, bleib’ zuhaus und stopfe Socken!“
Da verrät sich die bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts, die viele Bibelsprüche vereinnahmt hat für eine bestimmte Weltanschauung. Eine biedermeierliche Welt, auf das intakte Familienleben bedacht – zumindest nach außen hin. Aber vielleicht war das ja auch damals schon mit einem humorvollen Unterton gemeint gewesen: Wenn dich die bösen Buben locken, bleib’ zuhaus und stopfe Socken! Doch auch der originale Spruch, so wie er heute noch im Alten Testament zu lesen ist, wird falsch verstanden, wenn man ihn für eine Warnung an junge Mädchen hält. Der Originaltext lautet nämlich so: "Mein Sohn – mein Sohn! -, wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht! Wenn sie sagen: Geh’ mit uns, wir wollen auf Blut lauern und den Unschuldigen nachstellen ohne Grund, (...), wir wollen kostbares Gut finden, wir wollen unsere Häuser mit Raub füllen, wage es mit uns!, (...) mein Sohn, wandle diesen Weg nicht mit ihnen, halte deinen Fuß fern von ihrem Pfad; denn ihre Füße laufen zum Bösen und eilen, Blut zu vergießen ... denn so geht es allen, die nach unrechtem Gewinn trachten: Er nimmt ihnen das Leben" (aus Sprüche 1,10-16).
Ursprünglich richtete sich dieser gute Rat also an das männliche Geschlecht. Er hatte weder etwas zu tun mit der Kontaktaufnahme junger Mädchen zu jungen Männern, schon gar nicht warb er für den heimischen Herd. Sondern er war als Warnung gedacht, nicht mitzumachen bei Raub und Mord. Eine Warnung, sich nicht auf den Weg des Bösen locken zu lassen, nicht mit den "Buben" zu gehen. Dieses Wort entstammt Martin Luthers Übersetzung der Bibel, und zu Luthers Zeit meinte "Bube" soviel wie Schurke.
So formt jede Zeit aus der biblischen Überlieferung das, was sie in ihr sehen will. Keine Wahrheit, keine Erkenntnis ist vor Umdeutung und Missbrauch geschützt. Worauf es ankommt ist allein, das ursprünglich Gemeinte immer wieder neu zu ergründen. Wenn man dahin zurückgelangt, dann kommen einem manche Bibelverse plötzlich gar nicht mehr  uralt vor, sondern als seien sie für heute geschrieben. Wenn man die "bösen Buben" mit Schurken übersetzt – wer denkt dabei nicht an so manches, was aktuell in der Zeitung steht? Und wüsste man nicht spontan mehrere Beispiele zu nennen, wie die Gier nach dem schnellen und bequemen Geld Menschen in den Abgrund gestürzt hat? Und wie Menschen trotzdem immer wieder in solche Bahnen geraten? „So geht es allen, die nach unrechtem Gewinn trachten: Er nimmt ihnen das Leben“, heißt es im Buch der Sprüche. Ein altmodischer, hölzerner Stopfpilz mag kaum noch Verwendung finden, aber die noch viel älteren Worte der Bibel sind in den meisten Fällen gar nicht veraltet oder angestaubt. Es macht Spaß, in ihnen zu stöbern, und Recht verstanden, helfen sie auch uns heute zu einem besseren Leben.


Dienstag, 5. Januar 2010
Alle Festtage liegen nun hinter uns, Weihnachten und der Jahreswechsel. Was bleibt nun, was kann ich mitnehmen aus den Feiertagen in meinen Alltag, in dieses neue Jahr? Wir haben zu Weihnachten ein Kind gefeiert, ein Neugeborenes - das göttliche Kind. Ein Kind, von Erwachsenen angebetet und reich beschenkt. Kommt dieses Kind auch nach Weihnachten in meinem Leben vor?
Der Schriftsteller Erich Kästner hat einmal eine Rede zum Schulbeginn gehalten. Das ist rund fünfzig Jahre her, aber es ist genauso aktuell wie damals. Kästner sagte: „Lasst euch eure Kindheit nicht austreiben! Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen ihre Kindheit wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. Die meisten leben so. Sie stehen auf der obersten Stufe. Erst waren sie Kinder, dann werden sie Erwachsene, doch was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.“ (Erich Kästner, Ansprache zum Schulbeginn, in: Gesammelte Schriften für Erwachsene, Band 7, München/Zürich 1969, S. 180-184)
Erich Kästner meint damit wohl, dass Kindsein bei vielen Menschen nicht gerade hoch im Kurs steht. Kindsein ist für viele ein Zustand, der überwunden werden muss, den man hinter sich lässt wie ein Küken die Eierschalen. Darum ist es gut in der Weihnachtszeit ein Kind im Mittelpunkt steht  - Jesus, das göttliche Kind.
Als Erwachsener hat Jesus immer wieder positiv über Kinder gesprochen. Wer nicht wird wie ein Kind, kann nicht ins Himmelreich kommen, hat Jesus gesagt. Wenn wir Himmel sagen, dann stellen wir uns den Bereich vor, wo Gott wohnt. Dieses Himmelreich können nur die Kinder erleben, sagt Jesus – also diejenigen, die noch nicht so nicht so nüchtern und abgeklärt sind wie die Erwachsenen. Kinder können spontan und begeistert die Welt entdecken. Kinder machen Erfahrungen, die Erwachsene in ihrer rationalen Art oft einfach abtun: „Das gibt es doch gar nicht. Das ist unwissenschaftlich. Ist bloß ein Märchen.“ Mit Erklärungsversuchen, die religiöse Erfahrungen nicht zulassen, finden Erwachsene den Zugang zum Himmelreich nicht mehr. Darum sagt Jesus: Wer nicht wird wie ein Kind, kann nicht ins Himmelreich kommen. (Markus 10, 1 –16)
Entscheidend ist aber, glaube ich, dass man bei solchen Sätzen nicht nur an andere denkt – an die eigenen Kinder oder Enkel etwa. Man sollte an sich selbst denken. Das Kind, das ich einmal war, lebt ja in mir weiter, auch wenn ich erwachsen geworden bin. Ich kann versuchen, mich zu erinnern an dieses Kind, das ich einmal war – und es wieder neu entdecken und zulassen. So verstehe ich Jesus, dass er mich aufmerksam machen möchte auf das innere Kind in mir. Und ich möchte diesem inneren Kind auf die Spur kommen. Ich möchte die Erfahrung machen, dass ich ein Kind Gottes bin, geliebt um meiner selbst willen, und dass Gott mir nahe ist. Mein inneres Kind kann mir helfen, wenn ich mich auf die Suche nach Gott mache. Mein inneres Kind ist ein wichtiger Teil meiner Seele. In ihm ruhen die Erinnerungen an meine Kindheit, auch die unbewussten. Sie alle prägen mich bis ins Erwachsenenalter hinein. Mein inneres Kind hat starke und schwache Seiten. Es hat Verletzungen, Kränkungen und Angst erlebt. Diese Erinnerungen werfen mich selbst als Erwachsenen noch manchmal aus der Bahn. Doch auch diese Seite ist ein Teil von mir. Ich will versuchen, die schwachen Seiten meines inneren Kindes anzunehmen - weil Gott ja zu mir sagt. Er trägt auch meine schwachen Seiten mit. Doch mein inneres Kind hat auch viel Gutes erlebt. Es ist stark geworden durch die Liebe, die es früh erfahren hat. Es hat Lebensmut und Freude am Leben entwickeln können. Es ist dadurch gewachsen, dass es viel geschenkt bekommen hat. Ein Kind ist auf Empfangen angewiesen: auf das, was es von Älteren und Stärkeren geschenkt bekommt. Darin ist das Geheimnis der göttlichen Liebe verborgen: Das Wichtigste im Leben können wir uns nur schenken lassen. Unser ganzes Leben ist ja ein Geschenk. Wir können es weder durch Leistung noch durch Anstrengung erwerben. Werden wie ein Kind heißt darum auch, sich einfach beschenken zu lassen. Offen zu sein und Gottes Liebe zu vertrauen. Wahrscheinlich muss ich mir auch den Weg ins Himmelreich einfach schenken lassen. Auf dieses Geschenk freue ich mich schon.


Mittwoch, 6. Januar 2010
Nach altem Brauch darf während der zwölf heiligen Nächte zwischen Weihnachten und dem 6. Januar keine Wäsche gewaschen werden. Weil eine solche profane Geschäftigkeit das heilige Ausruhen einfach stören würde. So ist das mit den geheimnisvollen Tagen, die heute enden, am Dreikönigstag, als die drei Weisen aus dem Morgenland dem Jesuskind in seiner Krippe huldigen. Das neue Jahr ist seit knapp einer Woche schon da, aber immer noch wirken die Anstrengungen der Feiertage nach. Wenn möglich, sollte alles noch etwas mit Bedacht zugehen, gemächlich und ruhevoll. Wer noch Urlaub hat, wird vielleicht am liebsten auf der Couch liegen und ein Buch lesen. Manchmal aber nicht einmal das. Einfach da sitzen schweigen. Ein paar Kerzen dürfen brennen, das ist aber auch alles.
Es gibt eine biblische Geschichte, die ich sehr gern habe, weil sie von einem erschöpften Menschen erzählt, der gerne seine Ruhe hätte. Es ist die Geschichte des Propheten Elia. Der hatte böse Zeiten hinter sich. Er hatte gegen die Propheten einer anderen Gottheit gekämpft und sie umgebracht. Er wurde verfolgt, er musste fliehen - und dann saß er in der Wüste unter einem Wacholderstrauch, matt und entkräftet an Körper und Seele. Er konnte nicht mehr, er war so erschöpft, dass er nicht mehr leben wollte. Elia sprach zu Gott: Es ist genug. So nimm nun, Herr, meine Seele. (vgl. 1. Könige 19)
Elia hat hier eine tiefgehende seelische Erschöpfung erlebt, die mit unserem Ruhebedürfnis zum Jahreswechsel natürlich nicht zu vergleichen ist. Aber mir gefällt, wie die Geschichte weitergeht. Elia legt sich hin und schläft unter dem Wacholder ein. Die Bibel erzählt: Und siehe, ein Engel rührt ihn an und spricht zu ihm: Steh auf und iss! Und er schaut sich um und zu seinen Häupten liegt ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hat, legt er sich wieder schlafen. Da kommt der Engel Gottes zum zweiten Mal und rührt ihn an und sagt: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir! Anschließend hat Elia Kraft genug, um weiterzugehen. Er gelangt zum Berg Horeb, und dort hat er eine Gotteserfahrung.
Die Bibel erzählt: Ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her, Gott aber war nicht im Wind. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben, aber Gott war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber Gott war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als Elia dieses Sausen hörte, verhüllte er sein Gesicht, denn darin gab sich ihm Gott zu erkennen.
Diese Erzählung rührt mich sehr an. So möchte ich Gott auch erleben können, still und sanft. Ein Gott, der mich ausschlafen lässt, der mir zu essen gibt – und mich ansonsten in Ruhe lässt, keine Forderungen stellt. So lange, bis ich wirklich wieder bei Kräften bin. Danach wird sich auch wieder etwas Neues entwickeln - neue Kräfte, neue Ideen, neues Engagement. Aber diese Zeit der Ruhe ist eben auch wichtig - damit die Erlebnisse der Festtage oder die Zeit intensiver Arbeit Zeit haben, in mir nachzuwirken.
Wir erleben gerade die dunkelste Zeit des Jahres. Nicht zufällig sind die Nächte die Namensgeber für diese Zeit: Die zwölf heiligen Nächte zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige. In der Nacht des Heiligen Abends steht ein Stern über dem Stall von Bethlehem. Durch die Nacht folgen die drei Könige diesem Stern, bis sie in einer Nacht zwei Wochen später das göttliche Kind finden. Der Theologe und Schriftsteller Jörg Zink schreibt über diesen Stern:
„Der Stern zeigt etwas an, das er eigentlich nicht anzeigen kann: eine Offenbarung Gottes mit den Mitteln der Dunkelheit. Eine Offenbarung des Lichtes, ohne dass irgendwo Licht sichtbar wäre.“ Die drei Weisen, so schreibt Jörg Zink weiter, haben die Botschaft jener Nacht verstanden: „Sie erkannten das Licht in der dunklen Szene, und ihre Welt wandelte sich.“
Wie gut, dass auch die Dunkelheit Gottes Ort ist und ein Stern genügt, um Gottes Gegenwart anzuzeigen. Wie gut, dass Gott auch in der Ruhe erfahrbar ist. In der Dunkelheit und in der Ruhe wird jetzt etwas Neues heranwachsen. Und es genügt vorerst, wenn auf meinem Tisch eine Kerze brennt.


Donnerstag, 7. Januar 2010
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn man Menschen einmal fragt, was ihnen beim Stichwort Christentum als erstes einfällt, dann wird häufig das Stichwort “Nächstenliebe” fallen. Gewiss – das wird dann auch sehr schnell geäußert - haben die Kirchen oder die Vertreter der christlichen Religion diese Nächstenliebe keineswegs immer praktiziert, ganz im Gegenteil. Aber als Idee oder als Ideal gehört die Nächstenliebe zum zentralen Bestand des Christentums und unserer ganzen Kultur - freilich auch zum Grundbestand anderer großer Religionen wie des Judentums oder des Buddhismus.
Der Begriff der “Nächstenliebe” entstammt einer Antwort, die Jesus auf die Frage eines jüdischen Theologen gab. So berichtet es das Markus-Evangelium (Markus 12,28-34). Ein Schriftgelehrter fragt Jesus, welches das größte Gebot sei, an das man sich allezeit zu halten habe. Er hoffte wohl insgeheim, Jesus werde etwas Ketzerisches sagen, womit man ihn dann verklagen könnte. Jesus antwortet, das größte Gebot sei ein doppeltes, nämlich erstens: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Und dann gleichrangig daneben: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Da war der Schriftgelehrte sicher enttäuscht, denn beide Sätze entstammen der Tora, den jüdischen Schriften und sind somit im jüdischen Sinne eine absolut tadellose Antwort (5. Mose 6,4f.; 3. Mose 19,18)
Der Satz von der Nächstenliebe hat eine mächtige Geschichte entfaltet in zweitausend Jahren Christentum. Dabei sind, und das finde ich immer wieder auffällig, für viele Menschen aus irgendwelchen Gründen die letzten drei Worte, dieses “...wie dich selbst”, unter den Tisch gefallen. Oder zumindest sozusagen ins Kleingedruckte oder in die Fußnoten verdrängt worden. Das bestätigt einem ja auch schon das Sprachgefühl: “Nächstenliebe” ist ein positiv besetzter Begriff, “Selbstliebe” klingt negativ, nach Egoismus und Selbstsucht.
Ich kenne eine Menge Leute, die von sich sagen würden: Ja, die Nächstenliebe ist das größte Gebot von allen. Das steckt auch in meinem Herzen. Dem jage ich nach, das treibt mich an. Ich kenne aber auch andere, die würden sagen: Dieses Gebot hat mich vergiftet, es hat mich kaputtgemacht. Sie sagen nicht, dass es falsch sei. Sie sagen nur: Das Gebot der Nächstenliebe hat mich daran gehindert, überhaupt einer zu werden, der Gott und andere Menschen wirklich lieben kann. Unter der Übermacht dieses Gebotes habe ich mich selbst gar nicht erst finden können, und folglich habe ich nichts in mir, was ich Gott und anderen Menschen geben könnte.
Hier wird etwas deutlich, was mit der Geschichte dieses Ideals der Nächstenliebe zusammenhängt. Denn ich kann das Problem dieser Menschen auch so formulieren: Dass ich Gott über alles lieben soll, dass ich meine Mitmenschen über alles lieben soll, das hat für mich zeit meines Lebens bedeutet: Ich darf mich selbst nicht lieben. Ich muss mich klein machen. Ich muss bescheiden sein. Ich muss mich selbst zurückstellen.
Doch das ist verhängnisvoll. Denn wer die letzten drei Worte des Gebotes nicht ebenso ernst nimmt wie die ersten, der nimmt sich selbst nicht ernst. Der läuft einem Ideal der Selbstlosigkeit nach, das nie Wirklichkeit wird – so wie der Horizont, auf den man ein leben lang zulaufen kann, ohne ihn je zu erreichen. Wer sich selbst nicht ernst nimmt, kann keine tragfähigen Beziehungen aufbauen. Nur wer sich selbst ernst und wichtig nimmt, kann auch andere ernst und wichtig nehmen. Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben.
Und gleiches gilt natürlich auch für den ersten Teil des Doppelgebots, also Gott aus ganzer Seele und mit ganzem Herzen zu lieben. Ich kann Gott nur in Freiheit lieben. Ich kann ihn nur dann lieben, wenn mein Herz nicht vergiftet ist von der Missachtung der eigenen Person. Ich kann Gott ebenso wie meinen Nächsten nur lieben, wenn ich mich selbst nicht verachten muss, wenn ich mich nicht zurückstellen und kleinmachen muss. Derjenige aber, der sich selbst ebenso annehmen und lieben kann wie er es mit anderen kann, wer versöhnt ist mit seinen Fähigkeiten und mit seinen Grenzen, der hat Jesu doppeltes Gebot der Liebe richtig verstanden.


Freitag, 8. Januar 2010 als "Gedanken zur Woche" von Pfarrer Jörg Machel aus Berlin
„Was sagt die Kirche eigentlich zu den Nacktscannern?“, fragte mich ein Freund aus der Gemeinde mit etwas süffisantem Grinsen. Doch ich musste seine Erwartungen enttäuschen, als Moralapostel wollte ich mich in dieser Angelegenheit nicht in Stellung bringen lassen. Die Fragen, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigen sind grundsätzlicher Natur: Wieviel Sicherheit bekommen wir zu welchem Preis und ist es sinnvoll, den zu zahlen? Wie können wir uns vor dem Terror schützen, ohne dass unser Zusammenleben durch umfassendes Misstrauen verseucht wird?
Nachdem ich Anfang der achtziger Jahre von Ost- nach West-Berlin gezogen bin, musste ich mich im Aufnahmelager Marienfelde den verschiedenen Sicherheitsdiensten vorstellen, denn immerhin kam auch so manch ein Spion auf diesem Weg in den Westen. Empfangen wurde ich von einem charmanten Franzosen und einem lockeren Amerikaner. Im Vorzimmer des deutschen Geheimdienstes hing ein ungewöhnliches Plakat an der Tür. Darauf stand: „Wir vertrauen Ihnen, vertrauen Sie uns!“ So unvermutet freundlich begrüßt, ging ich interessiert in das anstehende Interview. Doch der Beamte muss seinen Raum durch eine andere Tür betreten haben. Von einem vertrauensvollen Umgang war nichts zu spüren. Als ich nach einer rüden Eröffnungsrunde noch einmal nach seinem Namen fragte, fuhr er mich an, der tue nichts zur Sache. Denn es ginge hier um mich, nicht um ihn. Entspannt lehnte ich mich zurück und erklärte ihm, dass sein Ton zwar ganz dem entspreche, was ich hinter mir gelassen zu haben glaubte, dass ich mich jetzt aber völlig anders fühlte. In der DDR hätte ich mich in einer solchen Situation gefürchtet, ich wäre absolut schutzlos gewesen. Hier wisse ich um die Grenzen seiner Macht und das sei  übrigens der Grund, weshalb ich den Wechsel wolle. Dann haben wir noch ein paar Unfreundlichkeiten ausgetauscht, und ich konnte gehen.
Menschliche Macht muss - um der Freiheit willen - begrenzt sein – das ist die vielleicht wesentlichste Erfahrung meiner politischen Biografie und sie ist ein ganz wichtiger Satz auf meiner theologischen Agenda.
Zwei Bestrebungen in den Debatten der letzten Tage beunruhigen mich. Da ist zum Einen die Forderung mancher Medien und auch von Teilen der Bevölkerung, dass der Staat die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren hätte. Und da ist andererseits das Versprechen von einigen Politikern, dass diese Aufgabe auch erfüllbar sei, wenn man sie nur richtig anpackt. Beide Haltungen sind, theologisch gesprochen, blasphemisch, das heißt, sie lästern Gott. Die einen lästern Gott, weil sie all ihre Sicherheit von der Welt und ihren Institutionen erwarten und die anderen lästern Gott, weil sie sich und anderen einreden, etwas zu garantieren, was Menschen in Wahrheit eben nicht leisten können. Ein Restrisiko wird immer bleiben, und wenn man dieses Restrisiko gegen Null bringen will, richtet man Schaden an.
So wie ich es in Ordnung fand, mich bei meinem Eintreffen in der Bundesrepublik befragen zu lassen, so halte ich es für notwendig, über technische Maßnahmen zu diskutieren, die unsere Sicherheit gegenüber Terrorakten erhöhen. Doch jenseits der Frage nach dem Einsatz von Nacktscanner und Co. bleibt für mich wesentlich, dass dabei die Grundidee unserer demokratischen und auf christlichen Werten beruhenden  Gesellschaft nicht vergessen wird. Und die basiert auf Respekt und Vertrauen, nicht auf Kontrolle und Ausgrenzung. Das Plakat in Marienfelde hat den richtigen Ton angeschlagen: „Wir vertrauen Ihnen, vertrauen Sie uns!“
E-Mail: joerg.machel@emmaus.de


Sonnabend, 9. Januar 2010
“Jetzt hilft nur noch beten”, so hört oder liest man manchmal. Das ist eine sprachliche Floskel,  die alles Mögliche bedeuten kann – nur eines ganz sicher nicht, nämlich, dass Beten wirklich hilft. Am heutigen Samstag fängt die Rückrunde der Fußball-Bundesliga zwar noch nicht wieder an, sondern erst am kommenden Wochenende. Aber ab dann wird man es auch wieder öfter hören – immer, wenn die eigene Mannschaft ins Hintertreffen gerät, heißt es: Der Fußballgott hat uns verlassen, jetzt hilft nur noch beten.
Manchmal hört man diesen Satz natürlich auch in ganz alltäglichen Gesprächen. Meistens dann, wenn das nicht ganz ernst gemeint ist, wenn also eigentlich gesagt werden soll: Jetzt hilft nach menschlichem Ermessen gar nichts mehr.
Das bedeutet einerseits, man nimmt das Beten als Tätigkeit oder als Ausdruck der inneren Verfassung eines Menschen nicht ernst. Man sagt diesen Satz ja immer mit einem gewissen Schmunzeln, weil man eigentlich ausdrücken will: Da Beten sowieso nichts nützt, hilft jetzt gar nichts mehr, es sei denn, es geschieht ein Wunder. Oder, man sagt diesen Satz schon im Ernst, aber dann vor allem in Situationen äußerster Verzweiflung. Das ist der Moment, in dem viele Menschen plötzlich wieder ans Beten kommen: Wenn man selbst oder ein naher Verwandter beim Arzt mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird oder etwas Ähnliches passiert, was einen plötzlich an Grenzen führt.
Die Psalmen im Alten Testament der Bibel, die praktisch nur Gebete enthalten, spiegeln viele solcher Situationen wider: Da suchen Menschen in großer Verzweiflung den Weg zu Gott, weil ihnen nichts Anderes mehr einfällt. Einige Psalmgebete sind allerdings auch fröhlich, voller Dankbarkeit und Freude - Situationen, in denen die meisten heute eher nicht mehr beten.
Wenn man sich die Psalmen im Alten Testament der Bibel einmal genauer anschaut, merkt man sehr schnell, worauf es dort ankommt. Nämlich darauf, dass man einfach loslegen kann mit Beten. Man muss keine besondere Sprache erlernen, man darf stammeln und stottern, man darf jammern und klagen. Man muss nicht fromm erzogen sein und auch kein religiöser Virtuose, man muss keine geheimen Formeln aufsagen und man muss dazu auch nicht in die Kirche gehen. Singen kann jeder, so sagen einem musikalische Menschen ja manchmal im Brustton der Überzeugung. Nun, da habe ich meine Zweifel, zumindest was mich selbst angeht. Aber Beten, das kann nun wirklich jeder, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Wenn er oder sie es will.
Im Alten Testament der Bibel lässt sich das Verb, das für „beten“ benutzt wird, auch übersetzen mit „in den Riss treten“. Wer betet, tritt also in einen Riss – in den Riss, der sich zwischen Gott und Menschen aufgetan hat. Aber sicher auch dort, wo sich ein Riss zwischen mir und einem anderen Menschen auftut, kann ein Gebet helfen. Da, wo ein Riss ist, klafft etwas offen, hat Ränder, die brennen, oder es fehlt ein Stück. In der Ruhe und Versenkung des Gebets merke ich dann manchmal, wo ich ansetzen muss, um Heilung zu bewirken - oder zu erlangen.
Beten hilft also, und ich kann es überall und jederzeit tun. Man darf ja – so heißt es in den Psalmen, den Anleitungen zum Beten - sogar seine leisen Zweifel haben, ob Gott wirklich da ist oder ob er nicht manchmal zu beschäftigt ist, um zuzuhören. Trotzdem lohnt es sich zu beten, auch wenn man es nur für eine bessere Art des Selbstgesprächs hält. Man wird beim Beten ruhiger und klarer im Kopf, fühlt sich besser und lernt nebenbei auch etwas über sich. Kein Gebet verhallt wirkungslos; man bekommt Antwort.  Das ist das Entscheidende: Beten hilft – selbst dann, wenn nur noch Beten hilft.  


Olaf Droste, Jahrgang 1951, ist Pastor und arbeitet als Rundfunkbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche. Damit ist er zuständig für die Betreuung aller evangelischen Sendungen auf den Wellen von RADIO BREMEN. Aufgewachsen und zur Schule gegangen in Bremen, studierte er zunächst in Hamburg, dann in Basel und Göttingen Germanistik, Geschichte und Evangelische Theologie. Seit dem Gymnasium – Schulzeitung – hat er nebenbei immer ein Bein im Arbeitsfeld Journalismus und Medien. Nach zweitem Examen und Gemeindepfarramt leitete er die Öffentlichkeitsarbeit der Bremischen Evangelischen Kirche und war Chefredakteur der „bremer kirchenzeitung“.
Olaf Droste ist verheiratet und hat zwei Töchter.
E-Mail:
rundfunk@kirche-bremen.de

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