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"Gedanken zur Woche"
die aktuelle Morgenandacht freitags im Deutschlandfunk, diesmal von:

aus Hannover.
Cornelia Coenen-Marx
aus Hannover
OKR Cornelia Coenen-Marx ist seit 2007 Sozialreferentin der EKD. Sie ist Pfarrerin der rheinischen Landeskirche und war dort nach 10 Jahren Gemeindepfarramt unter anderem Leiterin der Abteilung Sozialwesen beim Diakonischen Werk der Landeskirche, als Landeskirchenrätin zuständig für Kinder- und Jugendarbeit , Öffentlichkeitsarbeit und Öffentliche Verantwortung und von 1998 – 2004 theologische Leiterin der Kaiserswerther Diakonie. Auf dem Hintergrund der Kaiserswerther Verbindungen in den Nahen Osten war sie von 2004 – 2007 Nahostreferentin der EKD. Coenen-Marx ist publizistisch tätig , u.a. als Autorin kirchlicher Sendungen bei WDR, SR und DLF

E-Mail: Cornelia.Coenen-Marx@ekd.de


Freitag, 20. August 2010
Wehe, wenn sie losgelassen – das denken manche in diesen Tagen. Seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist klar: 80 Schwerverbrecher, die jetzt noch in Sicherheitsverwahrung sitzen, müssen anders untergebracht oder freigelassen werden. Die Justizministerin hat eine elektronische Fußfessel vorgeschlagen, andere wollen eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung durch die Polizei. Und der Chef einer Polizeigewerkschaft schlägt vor, die Namen der Entlassenen bekannt zu machen. Am besten wäre eine Veröffentlichung im Internet wie in den USA, meinen viele. Das sei Aufruf zur Menschenjagd, sagt der Strafrechtler Prof. Feltes. „In unserer Rechtsordnung muss jeder Gefangene die Möglichkeit haben, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden. Das entspricht unserem christlichen Menschenbild“. Dagegen sagt Günter Beckstein, der frühere bayerische Ministerpräsident, selbst engagierter Christ: „Natürlich müssen wir alles tun, um Menschen zu therapieren. Aber letztlich muss die Sicherheit der Bevölkerung Vorrang haben vor den Freiheitsrechten von Schwerkriminellen“.
Plötzlich wird sichtbar: Freiheit birgt Risiken. Besonders, wenn es um Schwerverbrecher geht, bei denen ein Rückfall nicht auszuschließen ist. Freiheit braucht Grenzen, damit sie nicht missbraucht wird. Das Austesten und Überschreiten von Grenzen gehört allerdings von Anfang an zu unserem Leben. Seit Adam und Eva. Die lebten in paradiesischer Freiheit, erzählt die Bibel, sie konnten sich alles nehmen, was sie brauchten – fast alles. Nur vom Baum der Erkenntnis sollten sie nicht essen – nur diese Früchte waren verboten. Aber die süßesten Früchte wachsen eben hinterm Zaun. Und so kommt es zu der Geschichte mit dem Apfel. Eva pflückt die Frucht und Adam nimmt sie gern. Und als alles auffliegt, zeigt einer mit dem Finger auf den anderen. Am Ende macht der Mensch Gott den schwersten Vorwurf: Warum gibst du mir Freiheit, wenn ich so verführbar bin? Warum hast Du uns so geschaffen - mit diesem Webfehler in unseren Genen?
Seitdem wissen wir: das Böse ist in der Welt – mitten unter uns, ja, in jedem von uns. Die Bibel erzählt vom verlorenen Paradies, von Mord und Totschlag, von Inzest und Bruderkrieg. Neid vergiftet die Bruderliebe zwischen Kain und Abel. Es geht um Glück und Erfolg - und plötzlich zieht Hass auf – wie eine dunkle Wolke. Wir lesen, wie Kain von seinem Hass übermannt wird, wie sein Blick sich verfinstert, die Fäuste sich ballen. Wie er Abel aufs Feld lockt und ihn erschlägt. Als hätte das Böse von ihm Besitz ergriffen – eine Macht, die stärker scheint als er. „Die Sünde lauert vor der Tür, und sie hat Verlangen nach Dir“, heißt es in dem alten biblischen Text – „Du aber herrsche über sie“.
„Ach was“, sagt Kain, als es schon längst zu spät ist – „Soll ich meines Bruder Hüter sein? Ja, darum geht es – und Kain weiß das nur zu genau. Es geht darum, dass wir einander achten und schützen, unseren Hass beherrschen und unseren Trieben Grenzen setzen. Aber die Bibel ist nicht naiv: Sie zeigt, was passiert, wenn das nicht gelingt. Kain verliert den Boden unter den Füßen und muss fliehen. Er wird bestraft. Und trotzdem steht auch dieser Mann unter Gottes Schutz. Am Ende dieser furchtbaren Geschichte steht ein Satz, der einem fast den Atem nimmt: „Gott machte ein Zeichen an Kain, dass niemand ihn erschlüge, der ihn fände.“
Wir wissen nicht, wie das Kainsmal aussah. War es ein Zeichen auf der Stirn – schon von weitem erkennbar? Wer so gezeichnet ist, hat doch gar keine Chance, ein neues Leben anzufangen, denkt man. Oder kann es doch eine Hilfe sein, wenn andere wissen, mit wem sie zu tun haben? Im Zweifel müssen zuerst die potentiellen Opfer geschützt werden, vor jenen, die ihren Hass und ihre Triebe nicht beherrschen können. Aber auch die Täter müssen geschützt werden – vor allem vor sich selbst. Denn nach christlicher Überzeugung gilt: Gott schützt auch die, die ihre Freiheit missbrauchen. Adam und Eva und Kain. Das entspricht dem christlichen Menschenbild und unserer Rechtsordnung.

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Die neue Reihe ab Februar 2009: "Beffchen, Bibel, Butterkuchen - Expedition ins evangelische Leben"
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Die DLF-Sendereihen Am Sonntagmorgen, die bisher als Buch erschienen sind.

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